Von der Drogenbekämpfung zur Suchtvorsorge

Von der Drogenbekämpfung zur Suchtvorsorge    Autor – Thomas Boss

Es gibt wohl keinen Zweifel darüber, dass Süchtigkeit und Drogenabhängigkeit eines der ganz großen Probleme unserer Zeit darstellen, an denen unsere Gesellschaft nicht vorübergehen kann.

Es ist eine Tatsache, dass die Zahl der Drogenkonsumenten zunimmt, sodass vermehrte Probleme auf uns zukommen. Es ist auch richtig und wichtig, wenn sich unsere Gesellschaft in geeigneter Art und Weise mit diesen Problemen auseinandersetzt und sie zu bewältigen versucht. Es geht dabei um die gesundheitliche und soziale Dimension.

Zu allen Zeiten und in allen Kulturen hat es Sucht- und Rauschmittel gegeben, welche immer schon von den Menschen gebraucht oder missbraucht wurden. Es gibt auch sehr viele verschiedene psychoaktive Substanzen mit unterschiedlichen Eigenschaften und Wirkungen, und eine erste notwendige Voraussetzung für eine hilfreiche Bearbeitung des Problems einer Suchtmittelabhängigkeit ist es, genügend Kenntnisse über die unterschiedlichen Eigenschaften und Wirkungen der verschiedenen Sucht- und Rauschmittel zu besitzen.

Drogen

Nach der wissenschaftlichen Definition sind Drogen Stoffe pflanzlicher, tierischer oder synthetischer Herkunft, welche Wirkungen auf das zentrale Nervensystem haben. Dazu gehören Genuss-, Rausch-, Beruhigungs- und Anregungsmittel, andererseits auch eine Vielzahl von Arzneimitteln, d.h. Substanzen, welche der Heilung, Vorbeugung oder Erkennung von Krankheiten dienen. Alkohol und Nikotin zählen demnach genauso zu den Drogen wie Cannabis und Heroin, die beiläufig geschluckte Beruhigungstablette ebenso wie andere vom Arzt verschriebene Medikamente. Als Suchtmittel gelten all jene Stoffe – ob legal oder illegal – deren Missbrauch eine Abhängigkeit zur Folge haben kann.

Süchtigkeit und Drogenabhängigkeit

Das Phänomen der Süchtigkeit und Drogenabhängigkeit kann aus pädagogischer, psychologischer, soziologischer oder medizinischer Sicht beschrieben werden. Die Definitionsversuche der einzelnen Disziplinen unterscheiden sich voneinander. Gemeinsam ist den verschiedenen Disziplinen der Aspekt des Zwanghaften. In dem von der Sucht betroffenen Bereich seines Lebens vermag der Süchtige nicht mehr seinem Willen gemäß zu handeln, sondern gehorcht einem Drang, der stärker als alle Vorsätze und Absichten erscheint.

Bei einigen substanzgebundenen Suchtformen hat das stets wiederkehrende Bedürfnis nach dem Suchtmittel eine physiologische Grundlage, in dem gewisse Substanzen in den Zellstoffwechsel eingebaut werden und das Absetzen des Stoffes nach einer kürzeren oder längeren Zeit der regelmäßigen Einnahme zu körperlichen Entzugserscheinungen führt. Deren Intensität hängt allerdings sehr von der inneren und äußeren Situation des Betroffenen ab, was auf die große Bedeutung der psychischen Komponente jeder Abhängigkeit hinweist.

Unter Abhängigkeit wird eine starke Fixierung verstanden, die das Leben des Betroffenen prägt und auf das Suchtverhalten einengt und als Krankheit bezeichnet werden kann. Unter Drogenabhängigkeit ist ein Zustand periodischer oder chronischer Vergiftung durch ein zentralnervös wirkendes Mittel zu verstehen, das zu seelischer und/oder körperlicher Abhängigkeit von diesem Mittel führt.

Man würde aber der Tragweite des Problembereiches der Süchtigkeit und Abhängigkeit keinesfalls gerecht werden, würde man dieses Thema nur auf die Verwendung von psychoaktiven Substanzen einschränken. Lange Zeit wurden die Begriffe Sucht und Abhängigkeit ausschließlich für die körperliche Abhängigkeit von Suchtmitteln verwendet. Heute versteht man unter diesen Begriffen eine spezifische menschliche Verhaltensweise, die sich nicht alleinig auf den Konsum von Sucht- oder Rauschmitteln beziehen muss (u.a. Alkohol, Tabak, Medikamente, illegale Substanzen, usw.), sondern auf jede übermäßige Ausübung oder Unterlassung einer Tätigkeit (wie z.B. Arbeit, Essen, Glückspiel, Fernsehen, Computer, u.a.) ausgeweitet werden kann.

Entstehungsbedingungen der Sucht

Im allgemeinen geht man davon aus, dass die Entstehungsbedingungen von süchtigem Verhalten von den verschiedenen Faktoren – Mensch(Persönlichkeitsmerkmale), Umwelt (soziales Umfeld der Gesellschaft),Suchtmittel (pharmakologische Wirkungsweise), Markt (Zugängigkeit und Preis) und der spezifischen Lebenssituation – beeinflusst wird.

Bekämpfung des Drogenproblems

Durch viele Jahre hindurch haben sich Maßnahmen zur Bekämpfung des Drogenproblems im Wesentlichen auf Aktivitäten des Aufspürens und Verfolgens von Händlern und Suchtgiften beschränkt. Obwohl die dafür zur Verfügung gestellten Ressourcen sich weltweit – sowohl an direkten finanziellen Mitteln als auch im personenbezogenen Bereich – vervielfacht haben, hat das Drogenproblem nicht ab-, sondern zugenommen. Einer der Gründe dafür ist sicher darin zu sehen, dass das Suchtproblem lange Zeit nur als ein Problem des Angebotes und nicht gleichermaßen auch als ein Problem der Nachfrage verstanden wurde.

Durch die enttäuschenden Erfolge in der Bekämpfung des Angebotes wendet man sich heute zunehmend der Nachfrage zu, d.h. den Süchtigen selbst sowie den Ursachen dafür, warum jemand süchtig wird. Dabei wird vielfach ein verzerrtes Bild der Wirklichkeit geboten: Die Süchtigen werden als verwahrloste, bedrohliche Gestalten dargestellt, die ihr Lebensende in öffentlichen Toiletten, in grotesken Verrenkungen mit der Spritze im Arm finden. Und die Suche nach den Ursachen folgt dem beliebten Gesellschaftsspiel nach der Suche eines „Sündenbocks“: Rabeneltern, wie den trinkenden, gewalttätigen Vater oder die gleichgültige, selbst verwahrloste Mutter, deren haltlose und verwahrloste Kinder dann im Drogenmilieu enden. Die Familien können sich beruhigt zurücklehnen und feststellen: Wir sind nicht so, uns kann das nicht passieren!

Drogenprävention

Prävention bedeutet dem Wortsinne nach „Zuvorkommen“, „Verhindern“ bzw. „Vorbeugen“. Im Zentrum aktueller Suchtprävention steht nicht mehr das Suchtmittel, sondern das Suchtverhalten, und die Suchtprävention insgesamt wird in den Rahmen der allgemeinen Gesundheitsförderung gestellt. Je nach dem Zeitpunkt der präventiven Intervention können drei Präventionsarten unterschieden werden:

Primärprävention

Primärprävention richtet sich an diejenigen Gruppen, die bisher noch nicht vom Drogenproblem betroffen sind; sie will der Entstehung von Störungen bzw. Krankheiten zuvorkommen. Primärprävention ist bestrebt, sowohl auf individueller (z.B. Aufklärung, Erziehung, Information) als auch auf struktureller Ebene (z.B. Jugendpolitik, Werbeverbote etc.) Einfluss zu gewinnen. Ihre Perspektive ist langfristig und setzt in einer möglicht frühen Lebensphase ein.

Zielgruppen primärpräventiver Maßnahmen sind die allgemeine Öffentlichkeit, Multiplikatoren, Pädagogen, Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene, Eltern, Seelsorger, Richter, Exekutiv- und Justizwachebeamte, Lehrherren und Personalchefs, Ärzte und Krankenpflegepersonal, Vereins- und Medienvertreter u.a.

Es handelt sich dabei um eine Arbeit mit nicht süchtigen Menschen, im Rahmen der allgemeinen Gesundheitsförderung, im Sinne von Aufklärung und Information, um bei der breiten Gruppe aller Kinder und Jugendlichen ihre Gesundheit im Sinne des körperlichen, geistigen und psychischen Wohlbefindens zu fördern und erhalten. Es soll dabei verhindert werden, dass Menschen überhaupt in den Gefahrenbereich süchtigen und abhängigen Verhaltens abgleiten.

Sekundärprävention

Sekundärprävention befasst sichmit der möglichst frühzeitigen Erfassung von Symptomen und Spannungszuständen, die zu Krankheiten führen können. Sie setzt in gesundheits- bzw. suchtgefährdeten Situationen an und versucht , diese Gefährdungen abzuwenden. Die Zielgruppe sind gefährdete Jugendliche und Erstkonsumenten.

Sekundärpräventive Maßnahmen sollen bei Menschen, die bereits Erfahrungen mit Drogengebrauch haben und damit in die gefährliche Nähe von Abhängigkeit und Folgeschäden geraten sind, schadensvermindernd ansetzen. Sie soll verhindern, dass aus gefährdeten Drogengebrauchern und –missbrauchern manifest süchtige Menschen werden.

Tertiärprävention

Tertiärprävention will Folgestörungen bestehender Krankheiten verhindern und Rückfällen vorbeugen. Hierzu gehören alle Maßnahmen der Rehabilitation und der sozialen Wiedereingliederung. Ziel der Tertiärprävention ist es, die invalidisierenden Auswirkungen der bereits bestehenden Drogensucht zu vermeiden.

Drogenaufklärung

Lange Zeit wurde unter dem Begriff „Drogenprävention“ ausschließlich nur die Aufklärung über die Gefahren des Suchtmittelmissbrauches verstanden. Historisch gehört die Vermittlung von Information zur ersten Generation der Präventionsstrategien und ist bis heute mancherorts leider die noch immer am häufigsten angewandte Methode.

Sie basiert auf der Annahme, dass den kognitiven Aspekten des Entscheidungsprozesses eine besondere Bedeutung zukommt; d.h. mehr Wissen über Suchtmittel und deren Konsum, sowie dessen Konsequenzen wurde/wird als effektives mittel angesehen, um diesbezügliche Einstellungen und Verhaltensweisen zu verändern.

Abschreckung

Internationale Evaluationsstudien zeigen jedoch, dass die reine Informationsvermittlungsmethode nicht wirklich effektiv ist – es zeigt sich zwar eine momentane Wissensverbesserung; diese Tatsache allein hat jedoch weder Auswirkungen auf den aktuellen Konsum noch auf die Absichten hinsichtlich eines zukünftigen Zigaretten-, Medikamenten-, Alkohol- oder Drogenkonsum. Speziell im Bezug auf die Abschreckungsstrategie hat sich gezeigt, dass auch negative Affekte im Sinne einer Stimulierung zum Konsum auftreten können. Abschreckung allein bewirkt die entsetzte Abgrenzung derer, die nicht gefährdet sind, und weckt häufig Interesse bei Gefährdeten.

Es ist oftmals eine sehr mühevolle Aufgabe der Suchtprävention diese Fehler der Vergangenheit zu beheben und der Öffentlichkeit im allgemeinen, sowie Erziehern und Eltern im Besonderen, die (den internationalen Erkenntnissen entsprechende) Tatsache zu vermitteln, dass eine alleinige „Aufklärung über die Gefahren des Suchtmittelmissbrauches (z.B. durch Fachleute in Schulklassen) eine nur minimale vorbeugende Wirkung erzielt.

Sucht hat immer eine Vorgeschichte

Gründe, die zu Missbrauchs- oder Suchtverhalten führen gibt es viele, manchen von ihnen lässt sich – oft bereits schon sehr früh – auf der pädagogischen Ebene begegnen.

Kinder und Jugendliche werden nicht aus heiterem Himmel süchtig und von Drogen abhängig. Wenn Menschen, die von Suchtproblemen betroffen sind, versuchen, die Ursachen ihrer Sucht aufzudecken, erkennen sie meist die folgenden, bis in die Kindheit zurückreichenden Verhaltensmuster: mangelndes Selbstvertrauen, fehlende Grenzsetzung, übergroßes Harmoniebedürfnis, Angst vor Konfrontation, mangelde Kritikfähigkeit bei sich und anderen gegenüber, Angst vor Liebesverlust, Überspielen unangenehmer Situationen mit Aggressivität bzw. Rückzugsverhalten, die Befürchtung, etwas nicht zu können, etwas nicht auszuhalten, etwas nicht zu wagen.

Sucht hat viele Ursachen und Gesichter

Die Sucht ist heute kein Phänomen das nur einzelne trifft. Wir wissen heute, dass Sucht viele Ursachen und Gesichter hat; dass die Suchtgefahr allen Menschen immer wieder einmal auflauert, immer dann nämlich, wenn schwierige Lebensphasen anstehen oder eine Krise durchlaufen wird.

Viele unter uns sind während ihres Lebens mit schwierigen Situationen im privaten oder beruflichen Bereich konfrontiert – wie z.B. ein Todesfall eines nahen Angehörigen oder eine Scheidung etc. darstellt. Jeder von uns ist täglich bestimmten Anforderungen ausgesetzt, seien es Sorgen am Arbeitsplatz, in der Schule, in den Familien oder bestimmten Umweltbelastungen. Diese Sorgen und Probleme stellen eine Herausforderung dar, die es zu bewältigen gilt.

Es ist eine Tatsache, dass manche Menschen diesen Anforderungen des Lebens besser gewachsen sind als andere, dass Erstere auch schwere Belastungen in seelisch-körperlicher Gesundheit zu überstehen vermögen.

Persönlichkeitsmerkmale

Bestimmte Persönlichkeitsmerkmale scheinen diesen starken Menschen in besonderem Maße eigen zu sein. Dazu gehören ein starkes Gefühl für Verantwortung (sich selbst und anderen gegenüber) und damit verbunden auch Selbstvertrauen sowie ein gutes Maß an Frustrationstoleranz und die Fähigkeit, mit Konflikten adäquat umgehen zu können.

Suchtvorsorge

Diese Persönlichkeitsmerkmale werden nicht vererbt, sondern gelernt. Suchtvorsorge bedeutet daher, auf individueller Ebene die Unterstützung zur Entfaltung der Persönlichkeit zu bieten, die stark macht für die Krisen des Lebens, ohne dabei die emotionale Erlebnisfähigkeit oder die Fähigkeit zum Genießen einzuschränken.

Daraus ergibt sich, dass Inhalte der Suchtprävention keine einmaligen oder kurzfristigen Maßnahmen sein können, dass Suchtprävention nicht Aufklärung über Drogen ist – wobei letzteres im geeigneten Kontext durchaus seinen Stellenwert hat.

Experten sind sich heute einig, dass sinnvolle Suchtvorbeugung nur im Sinne von Auseinandersetzung mit eigenen Verhaltensweisen Erfolge erzielen kann. Hier geht es um die Förderung gesunder Verhaltensweisen, eines bewussten Umganges mit sich, seinem Körper und seiner Umwelt, um eine Auseinandersetzung mit eigenen Wünschen, Bedürfnissen, Sehnsüchten, Hoffnungen und Zielen, also um die Förderung von Lebenskompetenz. Dabei handelt es sich um langfristige Maßnahmen, die in den Erziehungsalltag integriert werden müssen.

Im Zentrum moderner Suchtvorsorge stehen heute vor allem die gesunden Anteile des Menschen, sie sollen gestärkt werden. Die Überlegung dabei ist einfach: Wer im seelischen und körperlichen Gleichgewicht ist, erkennt das Risiko seines Handelns und braucht nicht zu flüchten. Wirksame Suchtvorsorge widmet sich daher der Stärkung und Förderung schützender Faktoren in der Persönlichkeitsentwicklung von Kindern und Jugendlichen.

Suchtvorbeugung bedeutet aber auch Unterstützung für Erzieher, wie Eltern, LehrerInnen oder KindergärtnerInnen, damit sie angemessene Maßnahmen zur emotionalen, sozialen und kognitiven Förderung ihrer Kinder treffen können.

Dazu gehören aber nicht nur Wissensvermittlung über bestimmte Erziehungsstile und ihre Auswirkungen auf die Persönlichkeitsentfaltung beim Kind. Dazu gehört auch, dass Erzieher sich als Beteiligte und Betroffene sehen, beispielsweise in dem Sinn:
Wie reagiere ich auf Ärger und Kränkung? Wie gehe ich mit Frustrationen um? Wie reagiere ich im Kontakt mit anderen Menschen und wie gestalte ich meine Beziehungen? Denn nur die Erzieher, die sich selbst erfahren und reflektieren, können als Vorbilder diese Selbsterfahrung und Selbstreflexion im sozialen Lernprozess auch weitergeben.

Sich selbst erfahren und reflektieren können, als Vorbild zu dienen, heißt nicht fehlerlos zu sein. Es bedeutet, sich auch mit eigenen Fehlern auseinandersetzen zu können, sich diese einzugestehen und nicht andere für ein Scheitern oder Versagen verantwortlich zu machen. Denn die Suche nach Schuldigen oder Sündenböcken hilft weder gesellschaftliche Probleme zu lösen, noch befähigt sie den Einzelnen zur Einsicht und damit auch möglicher Verhaltensänderung.